Alina Bronsky: Scherbenpark (2008)

unknown

»Ich kann nur mit Männern, die lesen können«

Eine junge Russin flieht das Leben im Ghetto

›Augen auf bei der Partnerwahl!‹ würde Sascha ihrer Mutter gerne raten, doch dazu ist es zu Beginn des Romans bereits zu spät. Ihr Stiefvater Vadim hat ihre Mutter und deren neuen Freund bereits erschossen und sitzt seither im Gefängnis.

Der schmissige Tonfall würde zu dieser 17-jährigen jungen Russin passen, die nicht auf den Mund gefallen ist und gerne ›du auch‹ entgegnet, wenn ihr jemand gutes Deutsch attestiert. Die von sich sagt, dass sie nie weine und keine Angst kenne. Die Eminem mag. Sich über Altersgenossinnen aufregt, die statt für die Schule zu lernen gerne  von irgendeinem Murat schwanger würden. Sich selbst die ältere Schwester sein muss, weil sie nur einen kleinen Bruder und eine vierjährige Schwester hat. Die Vadim umbringen will. Den Vater dieser Geschwister, der die Familie erst terrorisiert und dann zerstört hat, nachdem die Mutter sich endlich aufgerafft und ihn in die Wüste geschickt hatte.

»Dort, wo Vadim eben noch seinen Kopf hatte, ist blutiger Matsch. Ein bisschen schade, dass es daraus auf unseren Tisch und den Fußboden tropft. Ich werde eine Folie unterlegen. Ich weiß bloß noch nicht, ob ich dazu etwas sagen will. ›Für meine Mutter und Harry‹ zum Beispiel. Oder: ›Krepier doch endlich.‹ Aber halt, ich plane keine Seifenoper.« (46)

Sascha lebt in einer Sozialsiedlung am Rande Frankfurts. In der Schule schreibt sie nur gute Noten, sie gibt Nachhilfe und unterstützt die einfältige Maria beim Führen des Haushalts. Die 37-jährige entfernte Verwandte ist nach dem Tod der Mutter aus Sibirien hergezogen, um den Haushalt zu führen, spricht aber kaum Deutsch und ist in der Situation etwas verloren. Als Sascha sie eines Tages mit irgendeinem Grigorij erwischt, wird es ihr zu bunt. Sie flieht unvermittelt zur einzigen Außenstelle, die sich anbietet: Einem Zeitungsredaktor, der ihr Hilfe angeboten hatte, falls sie mal welche brauche.

So nimmt der Roman Fahrt auf. Sascha lebt zwischen mindestens zwei Welten eingeklemmt. Der Gegenwart der Siedlung, in der Desillusionierung und König Alkohol herrschen und auf deren öffentlichen Plätzen man streetwise sein muss, um durchzukommen, besonders als junge Frau – und der nebligen Zukunft, in der Sascha alles anders machen will als ihre Mutter. Burschikos wie sie ist, hat sie sich ein rauhes Äußeres angelegt, um ihre Verletzlichkeit zu kaschieren. Sie möchte ihr Schicksal möglichst autonom in die Hand nehmen und übt sich darin, für sich einzustehen. Dabei überholt sie aber Gefühle und Bedürfnisse, die sich nicht so leicht steuern lassen, zum Beispiel die Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Sex.

Auftritt Felix, der Sohn des Zeitungsredakteurs. Während der viele Jahre ältere Mann bei ihr einen starken Eindruck hinterlassen hat, spricht der 16-jährige Felix zunächst eher ihre krankenschwesterliche Seite an. Weiter wird hier nicht erzählt.

Sascha ist als Figur und Ich-Erzählerin sehr gut gewählt. Sie ist klug, intensiv, emotional und mit einem rotzigen und selbstironischen Witz ausgestattet. Ihr Ton trägt einen mit Leichtigkeit durch die teils sehr dramatische Handlung und ist doch authentisch genug, um die Glaubwürdigkeit des Erzählten zu wahren. Es berührt mich, wie sie aus einer Überforderung heraus mit den Verhältnissen, ihren Schwächen und Dämonen ringt und dabei versucht, immer eine steife Oberlippe zu bewahren.

Die vielen Dialoge erleichtern die Lektüre zusätzlich, sie haben Zug, sind pointensicher und bieten wie die teils karikierten Figuren aus der Siedlung einen Einblick in ein Milieu und eine Ecke der Gesellschaft, die einem allenfalls in engagierten Tatort-Folgen oder ZEIT-Reportagen begegnen.

Ich habe mich immer an diese Wohnung geklammert.Aber ich kann nicht mehr. Ich will hier raus. […] Ich hasse diese Leute. ich kann nichts dafür, und sie können noch weniger dafür. Alles arme Schweine. Und sie werden immer ärmer. Ich provoziere sie, und sie lassen sich das gefallen und hassen mich insgeheim. ich hasse diesen Gestank hier und die Wäsche auf den Balkonen und die Satellitenschüsseln. (199)

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